Global VJ

Videojournalisten sind erfreulicherweise mittlerweile fester Bestandteil in der Fernseh- und WebTV-Landschaft. Aus gutem Grund. Wie flexibel VJs sind, durfte ich gerade für das Schweizer Fernsehen demonstrieren. Die Aufgabe: Reportagen und Live-Berichte für die WM-Sendung aus den Ländern der schweizer Gegner, also Spanien, Chile und Honduras.

Die komplette Ausrüstung (!)

Die Definition der VJ-Arbeit war, sendefertig per FTP anzuliefern. Die größten Herausforderungen warteten jedoch vor Reisebeginn: Ich würde wegen des Spielplans der WM nur jeweils drei Tage Zeit pro Land haben. Außerdem musste die Reportage, die am Vortag des Spieles laufen sollte, auch noch im Zusammenhang mit Fußball stehen. Ich brauchte also einen Producer vor Ort. Wieder zeigte sich, dass es weltweit noch immer an einer vernünftigen Datenbank für Producer mangelt. Einmal half mir ein Kollege weiter, das andere Mail kam der Kontakt über die Journalismus-Fakultät einer Uni zustande.

Ein weiteres Problem war die Zusammenstellung des Equipments. Nur ein Koffer, Stativ und Kamerarucksack. Mehr wollte ich nicht schleppen. Also blieben Scheinwerfer ebenso zu Hause wie eine Winterjacke (für Chile).

In Spanien arbeitete ich der Bequemlichkeit wegen mit einem langjährigen Bekannten als Kameramann. Praktisch, dass die EX3 einen SDI-Anschluss hat. Denn plötzlich fehlte eine Kamera für die Live-Schalten. Die EX3 schlug sich anstandslos.

Weiterflug nach Chile. Gut 20 Stunden später stand ich in Concepción, 500km südlich der Hauptstadt Santiago. Producer Christian zeigte mir die ersten vom Erdbeben zerstörten Häuser. Am nächsten Tag ging es Richtung Küste. Dort hatte der Tsunami unter anderem ein historisches Fußballstadion zerstört. Wir sprachen mit dem Bürgermeister, einem ehemaligen Nationalspieler und Betroffenen aus der Nachbarschaft.

Erst ein kleiner Teil der zerstörten Häuser wurde abgerissen

Am Abend musste ich die Reportage noch schneiden, da sie wegen der Zeitverschiebung schon in der Nacht per FTP überspielt werden musste. Allerdings war ausgerechnet die Internetleitung des kalten Hotels die Schwachstelle. Mehrfach musste ich neu ansetzen. Erst am frühen Morgen klappte es, ich hatte kaum geschlafen. Die Internet-Geschwindigkeit ist immer wieder die Achilles-Ferse solcher Produktionen. Man kann sie nur schwer erfragen, da in den Hotels kaum jemand weiß, was der Upload ist. Daher ist es ratsam, Zeit für die Suche einer Alternative (mobiles Internet, Internetcafe) zu haben.

Weil es keine Möglichkeiten für Live-Schalten gab, mussten wir uns am Spieltag mit einem Stand-up und dem Überspiel per FTP aushelfen. Das bedeutete, die Fans beim Spiel zu beobachten, dann schnell den Stand-up aufzunehmen, als H264-Datei zu verpacken und zu verschicken. Glücklicherweise war direkt nebenan ein Internet-Cafe, das viermal schneller war als die Leitung im Hotel.

Am selben Tag gab es noch ein kurzes Stück mit Reaktionen auf das Spiel, das ich im fast leeren Restaurant des Hotels schnitt und dann ebenfalls aus dem Internet-Cafe überspielte. Am Abend saß ich im Flugzeug nach Santiago, um in der Nacht weiter nach Honduras zu fliegen.

13 Stunden später wartete Producer Noel am Flughafen auf mich. Die Einreise- und auch die Zollformalitäten waren kein Problem. Ich hatte mit einem Schreiben des Senders vorgesorgt. Darin stand, dass ich mit meinem Equipment nur wegen der Fan-Berichterstattung im Land war. Doch am Ende interessierte sich niemand dafür.

Die Arbeit in Honduras unterschied sich insofern von Spanien und Chile, dass ich am nächsten Tag beim Dreh im Armenviertel von zwei bewaffneten Polizisten geschützt wurde. Angesichts der Tatsache, dass aber selbst der Getränkefahrer von einem Mann mit Schrotflinte begleitet wurde, eine notwendige Maßnahme. Ansonsten war der Dreh mit Schulkindern auf einem Bolzplatz fast problemlos. Es schwang zwar immer der Gedanke an die latente Gefahr mit, doch ist das im Land mit der höchsten Mordrate pro Einwohner wohl normal. Ärgerlich war nur der Bruch der Stativspinne, der den Dreh etwas komplizierter machte. Der Producer war jedoch so freundlich, das Teil notdürftig aber erfolgreich zu reparieren.

Der Schnittplatz in Tegucigalpa

Die angenehme Überraschung war die schnelle Internetverbindung, mit der das Überspiel der geschnittenen Reportage vom Hotel aus zur Frage von ein paar Minuten wurde. Selbst zehn Minuten Rohmaterial, das die Kollegen in Südafrika für eine Geschichte brauchten, waren in einer Stunde überspielt. Am Spieltag selbst kam die EX3 wieder als Livekamera zum Einsatz, sogar im NTSC-Modus. Die Position richtete ich mit Hilfe des Producers aus, dann stellte ich mich vor die Kamera.

Wie bei den zwei Stationen zuvor, machte ich auch in Honduras einen Beitrag zu den Reaktionen auf das Spiel. Weil die Schweiz ausgeschieden war, endete meine Reise damit. Am nächsten Tag flog ich über Houston zurück.

Das Produktions-Fazit dieser Tour ist durchweg positiv. Das Equipment hat fehlerfrei funktioniert. Die Arbeit mit den Producern war ein wesentlicher Teil des Erfolges. Die Vorbereitung von der Auswahl der Flüge bis zur Recherche möglicher Themen war eine Basis für das Gelingen. Lediglich die fehlende Winterjacke machte gerade den Aufenthalt in Chile zu einer feucht-kalten Nerverei. Die unterschiedlichen Zeitzonen und die langen Flüge hinterließen natürlich ihre Spuren. Doch außer einer leichten Erkältung hielt auch der Körper stand. Zum Schluss lohnt sich noch der Hinweis auf die Definition des Videojournalisten. Alle Prozesse weitgehend zu beherrschen, ist die Voraussetzung, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Alles allein zu machen, ist daher nicht immer der beste Weg. Der Producer ist die ideale Ergänzung des VJ für Projekte in Regionen, die man nicht täglich bereist.

Die Videos:

Wesentliche Elemente des Equipments:

Kamera: PMW-EX3 (drei Akkus, 2x32GB Karten, 3x16GB Karten)

Sachtler/Manfrotto-Stativ

Ansteck- und Handmikro

Kopflicht

MacBook Pro mit FinalCut

Audiobox Edirol UA-25

AKG Headset

externe Raid-Festplatte 500GB

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Wunsch und Wirklichkeit

Der „Journalist“ schreibt in seiner aktuellen Ausgabe über die verwerfliche Verwendung von Videomaterial, das von Unternehmen bereit gestellt wird. Durch die Bank setzen öffentlich-rechtliche und private Sender sowie Videoportale Material ein, das problem- und kostenlos von FTP-Servern herunter geladen werden kann.


Nun schreibt der Autor, das sei alles PR, müsse gekennzeichnet werden und sei verwerflich. Da stellt sich mir die Frage nach dem Warum? Welche Glaubwürdigkeit, welche Grundsätze werden verletzt? Wo setze ich meine Unabhängigkeit aufs Spiel, nur wenn ich für ein Thema diese Bilder verwende? Bilder eines Verlegeschiffes auf der Ostsee, Luftaufnahmen vom Jungfernflug eines Airbus oder das Abdichten eines Ölbohrlochs in der Tiefsee. Alles Situationen, die aus zeitlichen, logistischen oder technischen Gründen für Nachrichten oder kurze Magazinformate nicht selbst realisiert werden können.

Fernsehbilder sind oftmals sehr schwierig zu bekommen, viele Redaktionen (ör + p) haben entweder keine Zeit mehr oder kein Geld oder beides.  Das Thema wird doch erst zu einem Problem, wenn der im Text nur kurz angerissene Fall auftaucht, dass ich tatsächlich komplett gefakte Beiträge ins Programm hebe.  Doch wo ist meine journalistische Glaubwürdigkeit angekratzt, wenn ich über ein Thema berichte, über das ich erst durch diese kostenlosen Bilder berichten kann?

Als Videojournalist stehe ich Bild und Text im Moment der Produktion in der Tat sehr nahe, doch was ist mit dem Kollegen, der in der Redaktion sitzt, keine Kamera und auch keinen Kameramann verfügbar hat? Doch aufgrund einer Agenturmeldung soll er nun etwas über die Verlegung der Pipeline machen, schließlich haben die Zeitungen online ja schon einen Text da stehen. Da tauchen nun Bilder auf, vom Erbauer der Pipeline. Und? Er könnte jetzt einen Quellenhinweis einfügen. Damit sollte es dann aber auch erledigt sein. Fernsehen ist kein bebildertes Radio und auch keine bewegte Zeitung. Fernsehen ist anders, ist komplizierter, es ist dreidimensional. Solange die Informationen im Sprechertext stimmen, solange die Bilder echt sind, solange wird der Zuschauer nicht hinters Licht geführt. Solange ist es nicht relevant, ob ein Kamerateam für den Sender oder das Unternehmen gedreht hat. Niemand wird bestreiten, dass in einem Katastrophenfall nicht auf die Bilder von einem Unternehmen gesetzt wird, weil der Verdacht der Täuschung naheliegt. Doch solange Rohre verlegt werden und Flugzeuge fliegen, ist das nicht dramatisch. Aber selbst das berüchtigte Bohrloch im Golf von Mexiko wäre ohne die BP-Bilder unsichtbar. Also werden sie – zum Bebildern der Katastrophe – genutzt, zusätzlich zu denen der Sender und Agenturen über die Folgen der Ölpest. Ist das also auch verwerflich? Ist es verwerflich, dass sich Agenturen die Tatsache zu nutze machen und Bilder zu einem Thema anbieten, dass ohne Bilder keines wäre? Sobald Redaktionen auf diese Bilder anspringen, lassen sie sich vor einen Karren spannen. Doch das passiert mit gewöhnlichen Pressemitteilungen seit Jahrzehnten. Wo also fangen wir an zu kritisieren?


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